Tropical Islands. Die traurigste Geschichte der Welt.

Tropical Island

Mit dem Zeppelin übers Wochenende ins Solarium. (octopusthat@flickr.com)

Ich habe heute die traurigste Geschichte der Welt gehört. Sie beinhaltet urdeutsche Elemente, denen im Einzelnen schon der Nimbus des Tragischen anhaftet: Zeppeline, New Economy, Winterwetter, Kolonialismus, Ostdeutschland, Solarien und Pauschaltourismus. Vereint zu einer Event-Location kippt das Ganze ins Absurde. Aber der Reihe nach.

1996, als in Deutschland noch alles möglich schien, wurde die Firma Cargolifter gegründet. Ihr Ziel: Den alten Traum vom Fliegen in riesigen phallischen Objekten in das gerade aufkommende Zeitalter der New Economy zu überführen. Deutsche Zeppeline, die Konsumgüter in alle Welt transportieren – Was soll da schon schiefgehen? Zur Umsetzung des wahnsinnigen Plans wurde mitten im Nichts in Brandenburg für 78 Millionen Euro die größte freitragende Industriehalle der Welt errichtet. Hier sollte der Traum vom schwebenden Wirtschaftswunder durch deutsche Ingenieure fachgerecht gefertigt werden.

Hindenburg meets Amazon. In der schönen Tradition der New Economy stellte man kurz nach dem Börsengang fest, dass das Projekt des präzise zu navigierenden Luftschiffs technisch gar nicht umsetzbar war. Verzögerungen, Schuldzuweisungen, Insolvenz.

Die größte Industriehalle der Welt.  (airwater@wikimedia commons)

Die größte Industriehalle der Welt.
(airwater@wikimedia commons)

Zurück blieb eine 360 Meter lange und 210 Meter breite Industriehalle mitten in der Brandenburger Einöde. Eine Industriehalle von 5,5 Millionen Kubikmetern Leere, ohne einen einzigen tragenden Pfeiler in ihrer Mitte. Was musste mit diesem Sinnbild, diesem Mahnmal der New Economy naturgemäß geschehen? Investoren, Wellness, Spa! Es entstand Tropical Islands, ein kafkaesker Freizeitpark in Autobahnnähe für 6000 Besucher täglich. Eine Art eskapistisches Massensolarium mit Südsee-Motto.

Die Kulisse erinnert an die künstliche Welt aus dem Film „Trueman Show“. Zitat Wikipedia: „In 26 °C warmer, „tropischer“ Umgebung mit etwa 64 % Luftfeuchtigkeit und dem größten Indoor-Regenwald der Welt mit Strand und zahlreichen tropischen Pflanzen stehen mehrere Pools, Bars sowie Restaurants zur Verfügung. Tropical Islands ist rund um die Uhr an allen Tagen im Jahr geöffnet.“

Der ganze Flair eines tropischen Fruchtsalats aus der Dose. (tropical island resort@wikimedia commons)

Der ganze Flair eines tropischen Fruchtcocktails aus der Dose. (tropical island resort@wikimedia commons)

Von der blau gestrichenen Hallendecke leuchten Solariumsröhren auf aufgeschütteten Sandboden, die Heizung läuft auf Hochtouren und man bekommt deutsches Bier in Nachbauten indischer Tempelanlagen serviert. Übernachtet wird in Lodges inmitten der „Tropenlandschaft“ oder in Zelten – der Eintrittspreis von 34,50 € berechtigt zum Verweilen über mehrere Tage. Nacht ist, wenn das Solarium am Himmel ausgeht. Erfahrungsbericht eines Wochenendbesuchers: „Das Publikum is halt Brandenburg, ne.“

Da hebt sie ab, die New Economy. (nationaalarchief@flickr.com)

Da hebt sie ab, die New Economy.
(nationaalarchief @flickr.com)

Wem schon Skihallen auf dem Flachland als Scheitelpunkt des Wahnsinns vorkamen, der verstummt vor dieser epischen Tragödie, die hier zwischen den Eckpfeilern urdeutschen Scheiterns gesponnen wurde. Auferstanden aus der Asche der ausgebrannten Hindenburg, befeuert vom kolonialistischen Traum und errichtet nach dem Bildnis des Neckermann-Katalogs für Pauschaltouristen. Mit eigener Autobahnabfahrt. Wie ich schon sagte, die traurigste Geschichte der Welt.

 

 

 

 

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1 Comment

  1. C42TM4N 16. März 2013 Reply

    Herrlich geschrieben – thx

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