Kulturflatrate für 21,45 €: Unbegrenzt online Filme schauen, lesen und Musik anhören

All you can download. (stirwise@flickr.com)

Schon in der Frühphase des Filesharing philosophierte man über die Kulturflatrate – eine Pauschalabgabe, die digitale Kopien von Werken auf Tauschbörsen legalisieren soll. Einmal gezahlt, soll man so ohne schlechtes Gewissen oder Angst vor Abmahnungen Filme und Musik online tauschen können. Als Utopie verschrien und dann in Vergessenheit geraten ist sie plötzlich doch Realität geworden – und niemand hat es gemerkt. Dabei gibt es seit einiger Zeit Musik, Filme und eBooks legal und fast kostenlos als Flatrate im Netz. So funktioniert die Kulturflatrate in Deutschland schon heute:

 

Was kostet eine Kulturflatrate in Deutschland? 21,45 Euro im Monat
Das Geheimnis der Kulturflatrate liegt darin, dass es eigentlich viele kleine Flatrates sind – quasi eine pro Medium. Hier ein schnelles Rechenbeispiel, wie man sich in Deutschland schon heute eine Kulturflatrate zusammen bauen kann:

  • Unbegrenzt Musik streamen über Streaming Services (s.u.): 9,99 Euro / Monat
  • Unbegrenzt eBooks ausleihen über Onleihe: Ca. 20 Euro / Jahr = 1,66 Euro / Monat

Die legale Kulturflatrate kostet in Deutschland also 21,45 Euro. Zum Vergleich: Die GEZ kostet 17,98 €. Dafür kann man über die Flatrate ohne Ende zeit- und weitgehend ortsunabhängig alle Medien seiner Wahl konsumieren. (Mehr zu den erwähnten Diensten weiter unten.)

Schritt 1 zur Kulturflatrate: Filme legal online schauen. Die Optionen

legal online Filme schauen

Legal online Filme schauen – so geht’s (sheryl’s boys@flickr.com)

Um ca. 75.000 Filme und Serien legal online zu schauen, kann man zum Beispiel für ca. 9,80 Euro / Monat die amerikanische Videothek Netflix auch in Deutschland nutzen. Das geht entweder per Computer, Apple TV, XBOX, Wii oder Play Station 3. (Ich habe das hier mal als Tutorial in aller epischen Breite erklärt, hier auch auf englisch). Wer Filme eher auf deutsch bevorzugt, der kann auch Dienste wie den Amazon-Partner Lovefilm oder Maxdome abonnieren, hier ist das On-Demand-Angebot allerdings mit ca. 1000 Filmen, meist nur in synchronisierter Fassung, noch enttäuschend klein.

Schritt 2: Online Musik hören. Die Anbieter
Seit Anfang 2012 das schwedische Startup Spotify in Deutschland den Dienst aufgenommen hat, ist die Musik-Flatrate salonfähig geworden. Für 9,99 Euro / Monat kann man hier aus ca. 18 Millionen Songs wählen, darunter die Kataloge von 4 Major Labels. Auch ein Downloaden und offline Hören von Titeln ist möglich, wenn auch nur in der DRM-versiegelten Smartphone-App von Spotify. Aktuell startet auch Microsoft weltweit seinen Musik-Streaming Dienst Xbox Music, der vorinstalliert bei Windows 8 Betriebssystemen sein wird. Eventuell schafft der alternde Riese Microsoft es so, sich gegen kleine Startups wie das erwähnte Spotify, Napster, Simfy, Rdio, oder Last.fm durchzusetzen. Preislich bewegen sie sich alle genannten Streaming-Dienste um die 10 Euro im Monat. Die Anzahl der verfügbaren Titel variiert allerdings stark.

Schritt 3: Unbegrenzt eBooks lesen

legal ebooks ausleihen

Unbegrenzt online Bücher ausleihen – dank alter Bekannter. (fortrel@flickr.com)

Auch eine elektronische Bücherflatrate gibt es – allerdings auch hier mit diversen DRM-Einschränkungen. Das Münchener Startup Skoobe zum Beispiel bietet für ebenfalls 9,99 Euro im Monat einen Katalog von ca. 10.000 eBooks an. Interessanterweise kann man im ersten Jahr unbegrenzt Bücher ausleihen, ab März 2013 sollen es nur noch zwei pro Monat sein. Hier sieht man gut, wie misstrauisch Verlage gegenüber dieser neuen Startups noch sind.

Echte Alternative: Witzigerweise bewegen sich die guten alten Stadtbibliotheken irgendwie unter dem Radar: Unter dem Namen „Onleihe“ bietet die DiViBib GmbH bereits seit 2007 einen Service zum Ausleihen von digitalen Medien an. Besitzer eines analogen Bibliotheksausweis der teilnehmenden Bibliotheken (ja, man muss wirklich zur Bibliothek gehen und sich anmelden) können über die Website Onleihe.net eBooks, Videos, Audios, eMagazines und digitale Musik runterladen und auf kompatible Endgeräte übertragen werden. Eine digitale Rechteverwaltung sorgt dafür, dass sich die Dateien nach Ablauf der Leihfrist nicht mehr abspielen / lesen lassen.

Problem von Onleihe.net: Kompatibilität und Aufwand
Das Problem dabei: Man muss Mitglied der jeweiligen Stadtbibliothek sein, eine landesweite Mitgliedschaft ist nicht möglich. Die Mitgliedschaft bei der Bücherhalle Hamburg kostet z.B. 20 Euro im Jahr, damit kann man aber nicht das eBook Sortiment der öffentlichen Bibliothek Berlin nutzen. Weiterer Pferdefuß: Der Ausleihvorgang gestaltet sich alles andere als technisch komfortabel – populäre eReader wie z.B. der Amazon Kindle können das verwendete DRM-Format (über Adobe Digital Editions) der Onleihe nicht mal wiedergeben. Außerdem können trotz der technisch eigentlich unbegrenzt verfügbaren Ausgaben immer nur ein beschränktes Kontingent an Büchern auf einmal ausgeliehen werden – nach z.B. 5 verliehenen Harry Potter eBooks ist die Bibliothek „leergeliehen“ und man muss warten, bis ein User das Exemplar zurückgegeben hat bzw. die Leihfrist abgelaufen ist. Anachronistisch, aber nichtsdestotrotz ein guter erster Schritt in die Realität.

eBooks ausleihen: Amazon zieht nach
Amazon bietet in den USA schon seit längerem seinen Prime-Kunden (bei uns 29 Euro/Jahr) an, 1 Buch pro Monat  auszuleihen. Ab Ende Oktober 2012 soll das auch für Kindle-Nutzer in Deutschland möglich sein. Zum Start sollen ca. 10.000 Bücher in deutscher Sprache vorliegen, sowohl Bestseller vom „normalen“ Markt wie auch Amazon exklusive direct-publishing Bücher. Kindle Besitzer haben ohnehin keine andere Möglichkeit, eBooks auszuleihen – das Amazon Gerät kann keine .ePubs darstellen, die von den meisten Bibliotheken verwendet werden. Der bald in Deutschland erscheinende Nook von Barnes & Noble kann das übrigens schon.

Zahlungsbereitschaft ist da – Flatrate bevorzugt
Bei all diesen Angeboten gilt: Alles nur an sehr kurzer DRM-Leine und nach Ablauf der Mitgliedschaft ist es vorbei mit dem Medienkonsum. Verlagen und Labeln fällt es sichtlich schwer, sich auf innovative Lösungen und Deals mit neuen „all you can download“ Anbietern einzulassen. Eigentlich ein Irrweg, denn während legale Angebote fehlen, gibt es die besagten Inhalte ohnehin als illegale Kopie im Netz. Der großartige Cartoon von theoatmeal zu „Game of Thrones“ bringt es auf den Punkt.

Ich bin inzwischen davon überzeugt: Zahlungsbereitschaft für digitale Inhalte besteht. Am Beispiel Streaming-Videotheken zeigt es sich am Besten: Wenn ein komfortables Angebot existiert, wird auch gezahlt. Das lässt sich am Beispiel einer gut ausgestatteten Streaming-Videothek belegen.

Netflix bewegt mehr Daten als Bittorrent

Webtraffic Europa vs. USA – legale Angebote haben eine Chance. (Klicken zum vergrößern, Quelle: Envisional Ltd)

Netflix als Beweis für Zahlungsbereitschaft
Während es in den USA Netflix gibt, existiert kein befriedigend umfangreiches Angebot in Europa. Wenn man den gesamten amerikanischen Internetverkehr mit dem europäischen vergleicht fällt auf, dass die legale Onlinevideothek Netflix ziemlich genau den Anteil des Webtraffics einnimmt, den in Europa das Filesharing-Protokoll Bittorent besetzt. Netflix sorgt in den USA inzwischen für mehr Internetverkehr als illegale Downloads, so wired.com. Kurz: Legale Alternativen werden dann akzeptiert, wenn sie schneller und komfortabler funktionieren als illegale Quellen. Weiter scheint der Geldbeutel bei unbegrenzten Flatrates grundsätzlich lockerer zu sitzen als beim Einzelverkauf von digitalen Werken. Dieses Phänomen hat man ja auch schon bei der Entwicklung des Internets in Privathaushalten beobachten können – erst als die Providertarife vom zeit- und volumenbasierten Abrechnen zu Festpreisen wechselten, wurde das Netz zum Massenmedium.

 

 

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Kulturflatrate für 21,45 €: Unbegrenzt online Filme schauen, lesen und Musik anhören, 4.7 out of 5 based on 6 ratings

2 Comments

  1. Böggi 25. Oktober 2012 Reply

    Starker Artikel Tim!

    Netflix wird mich kennenlernen! Seit AppleTV geh ich kaum noch in die Videothek.
    Das direct-publishing-Konzept von amazon ist absolut überzeugend. Mittlerweile habe ich schon einige
    handwerklich richtig gut gemachte eBooks gelesen. Bestes Beispiel: „EXCESS – Verschwörung zur Weltregierung“
    von Mathias Frey. Grausamer Titel, sehr komplexe und extrem gut recherchierte Geschichte.

    Hätte ich mir für mehr Geld sicher nicht angetan. Aber das Buche wäre auch 7,99 wert.

    Weg vom Thema, aber es war gut darüber zu reden.
    Schlaf gut Hamburg!

  2. Jan 1. November 2012 Reply

    Super Artikel!!!

    Weiter so.

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