Gebrauchte eBooks und MP3s verkaufen? Warum Amazon & Co. nicht mitspielen

gebrauchte eBooks verkaufen, gebrauchte MP3s verkaufen

Gebrauchte eBooks – bald auf eBay? (origamidon@flickr.com)

Warum darf man keine gebrauchten eBooks verkaufen?
Es ist schon schwer zu erklären, warum man als Kunde für die digitale Kopie eines Buches fast den gleichen Betrag wie für das physische Exemplar zahlen soll – obwohl doch Druck, Lagerung und Shopmiete entfallen. Hinzu kommt der große Nachteil, dass man erworbene eBooks nicht weiter verkaufen darf. Wer ein eBook erwirbt, bekommt für sein Geld eben nicht den Besitz des Buchs, sondern lediglich das Recht die Datei zu lesen. So steht es jedenfalls in den AGBs der meisten eBook-Shops. Ob das überhaupt rechtlich OK ist, ist offen. Fest steht jedenfalls: Wer das Taschenbuch hat, kann es aber auf jedem Flohmarkt legal verhökern. Wer das eBook hat, nicht. Ist das sinnvoll?

eBooks gebraucht verkaufen – nichts spricht dagegen
Nehmen wir zum Beispiel den größten Buchhändler im Internet, Amazon.com. Der Konzern hat mit dem Kindle erfolgreich ein eigenes Lesegerät für eBooks etabliert. Warum sollte man als Kunde ein Werk, das man dafür als eBook gekauft hat, nicht weiter verkaufen dürfen? Nur weil es nicht auf Papier gedruckt ist? Das ist kein Argument, schließlich darf man als Kunde auch gebrauchte Software weiterverkaufen. Die Lizenz für die Nutzung eines Computerprogramms lässt sich technisch genau so weitergeben wie die Lizenz eines eBooks. Den Online-Buchhändlern ist der Gebrauchtmarkt auch nicht fremd – immerhin handelt Amazon selbst im großen Stil mit Second Hand Software und gebrauchten physischen Büchern. Der eCommerce-Gigant schreibt sogar aktiv Nutzer mit Preisvorschlägen für zuvor erworbene Artikel an. Nur bei den digitalen Varianten der Bücher sieht es schlecht aus für den Kunden. Dabei dürfte es für Amazon kein großes Problem darstellen, die Lizenzen der Nutzer nach dem Verkauf zu aktualisieren. Schließlich besitzt Amazon mit .azw ein eigenes DRM-Format und hat sogar in der Vergangenheit Bücher ungefragt aus der Ferne von Kundengeräten gelöscht. (Leider ausgerechnet George Orwells “1984”, für das Amazon keine ePublishing Rechte besaß. Oh, the irony.)

Der Kindle ist per WLAN oder Mobilfunknetz ohnehin fast permanent mit Amazons Servern verbunden. Amazon streamt in den USA sogar TV-Serien als Flatrate, ähnlich dem Konkurrenten Netflix, auf Tablet-Kindles. Der eReader wird also von Haus aus per DRM an der kurzen Leine gehalten. Technisch spricht also nichts gegen die Möglichkeit ein fertig gelesenes eBook auch wieder zu verkaufen – zu einem vom Besitzer für das Werk gewünschten Betrag. US-Prime Kunden erlaubt Amazon bereits das Verleihen von elektronischen Büchern an andere Kunden. Für die Dauer der Leihgabe kann der ursprüngliche Käufer das Buch nicht mehr lesen. Darauf aufzusetzen wäre eine technische Kleinigkeit.

Warum Amazon nicht mitspielen will
Das Problem für Amazon ist viel mehr, dass sich gebrauchte eBooks nicht im Geringsten von neuen eBooks unterscheiden. Der Zustand des Buches ändert sich nicht, egal wie oft es gelesen wurde. Jedes neue Buch wäre also zigfach als identische, günstigere Version erhältlich. Gerade bei Bestsellern à la “Harry Potter” würde das natürlich den Preis nach unten drücken.

Offiziell hat Amazon übrigens auf meine Anfrage beim Kundenservice folgendes geantwortet:

Ganz so einfach gestaltet sich der Weiterverkauf von Kindle Inhalten leider nicht im Vergleich zu gedruckten Büchern. Der Kauf und das Herunterladen digitaler Inhalte von Amazon (einschließlich Inhalte des Kindle-Shops) ist mit dem Amazon-Konto verbunden, welches für den Original-Kauf verwendet wird. Daher können Kindle-Inhalte nicht auf andere Personen übertragen werden.

Schwaches Argument – das Übertragen eines Inhaltes auf ein anderes Kindle Konto dürfte ja wohl technisch das geringste Problem sein. Fernlöschung beim einen Kunden, Freischalten beim anderen Kunden, Guthaben bei Kunde 1 gutschreiben, fertig. Es scheitert nicht an den Möglichkeiten, sondern rein am Willen. Im Amazon.de Kundenforum steht zu dem Thema gebrauchte eBooks einsam und alleine eine Anfrage eines Users – niemand hat ihm darauf geantwortet. Ich vermute, man will keine schlafenden Hunde wecken.

Gebrauchte eBooks auf Amazon

Gebraucht verkaufen – bei Taschenbüchern selbstverständlich, bei eBooks nicht drin? (Screenshot amazon.de)

 

Da kommt was von links
Diese Schieflage der Verbraucherrechte hat inzwischen den Bundestag erreicht: Am 8.3.2012 wurde ein Gesetzesentwurf von Die Linke mit dem wunderbar deutschen Titel “Ermöglichung der privaten Weiterveräußerung unkörperlicher Werkexemplare” eingereicht. Darin heißt es: “Verbrauchern ist jedoch häufig gar nicht bewusst, dass die Medienprodukte, die sie per Download in unkörperlicher Form erwerben, gegebenenfalls weniger wert sind als körperliche Werkexemplare, also im Laden gekaufte CDs oder gedruckte Bücher.” Sollte das Gesetz beschlossen werden, dann könnte man bald seine gebrauchten eBooks und MP3s auf eBay weiterverkaufen. Damit wäre Deutschland ein weltweiter Vorreiter was das Konsumentenrecht in der digitalen Welt angeht.

Bizarre Blüten
Aus Verbrauchersicht ist es ja klar. Wenn digitale Güter fast genau so teuer sind wie physische, dann muss der Kauf auch die gleichen Rechte beinhalten. Bei der aktuellen Schieflage ist es kein Wunder, dass 2010 nur ein Prozent aller verkauften Bücher in Deutschland eBooks waren. Die Buchpreispolitik der Verlage bei eBooks führt auch zu dem merkwürdigen Phänomen, dass deutschsprachige eBooks über Amazon.co.uk, Amazon.fr oder Amazon.it auf absolut legalem Weg günstiger zu haben sind als über die deutsche Seite. Sogar das deutsche Login funktioniert auf diesen Websites. Irgendwie erinnert das an die Zeit, in der man zum Bücher kaufen in die DDR gefahren ist, weil sie da billiger waren.

Gebrauchte MP3s – Zukunftsmusik?
Einen Handel mit gebrauchten MP3s ermöglicht heute übrigens schon die Website Redigi. Am 06.02.2012 wurde der Verkauf von gebrauchten MP3s in den USA von einem New Yorker Gericht als legal bestätigt. ReDigi funktioniert über einen Cloud-Service, der sicher stellt dass die verkauften MP3s auch von der Festplatte des Verkäufers verschwinden. Einen ähnlichen Cloud-Dienst, Amazon Kindle Cloud Reader, hat Amazon bereits. Man könnte ihn also prima nutzen, um die Lizenzen von gebrauchten eBooks zu verwalten. Gedankenspiel: Hätte sich die CD je gegen die Schallplatte durchgesetzt, wenn man sie nicht weiter verleihen, verschenken, tauschen oder verkaufen dürfte?

Update: Amazon lässt sich den Verkauf gebrauchter digitaler Güter in den USA patentieren
Am 29.1.2013 wurde Amazon in den Vereinigten Staaten das Patent auf eine Handelsplattform für gebrauchte digitale Güter zugesprochen. Bleibt die Frage, ob der Gigant tatsächlich eine solche Plattform aufbauen möchte, oder ob es sich viel mehr um ein Mittel handelt, um Konkurrenten wie Redigi vom Markt zu halten bevor diese sich überhaupt etabliert haben. Eigentlich bizarr, dass sich etwas so simples wie eine Verkaufsplattform für gebrauchte Dinge mit Patentschutz belegen lässt – das wäre ja, als gäbe es nur einen legalen Veranstalter für Flohmärkte in Deutschland. Jedenfalls scheint sich langsam etwas in Bewegung zu setzen, in welche Richtung wird man sehen.

Update 2: ReDigi verletzt laut US-Gerichtsurteil das Copyright
Am 30. März 2013 entschied ein amerikanisches Gericht, dass der Verkauf gebrauchter digitaler Daten (am Beispiel des Dienstleisters ReDigi) zwar rechtmäßig sei, allerdings nur, wenn der physische Datenträger dabei mitverkauft würde. Ein Kopieren und Löschen der Ausgangsdaten beim Verkäufer sei hingegen eine “unerlaubte Reproduktion”. Das bedeutet in der Praxis, dass es praktisch keine gebrauchten digitalen Güter geben kann – wer verkauft schon sein iPhone, weil er einen 99 Cent Track loswerden möchte. Hier geht es zum kompletten Urteil.

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6 Comments

  1. pehaus 9. Dezember 2012 Reply

    Und es hat sich nicht geändert….
    man sollte jetzt im Weihnachtsgeschäft daran denken.
    Vor allem sollte man seine eBooks alle auf dem Rechner runterladen.
    Wenn aus welchen Gründen auch immer die Rechte, die man bezahlt hat entzogen werden, kann man das DRM immer noch knacken.

  2. Daniel 9. Februar 2013 Reply

    Hallo, Leser.
    Ich arbeite als hauptberuflicher Übersetzer. Aus der Sicht von uns “Schaffenden” sieht die Sache ganz anders aus:

    Der Weiterverkauf eines Papier-Buches findet meist höchstens ein Mal statt, wenn überhaupt.
    Ein eBook dagegen ist immer neu. Ein gutes Buch ist zudem zeitlos.

    Wird es von Leser zu Leser, zu Leser, zu Leser weitergegeben, so verdienen diejenigen, die das Buch geschaffen haben (Autor, Übersetzer, Lektor, Satz, Verlag) nur ein einziges Mal daran – und danach gar nichts mehr.
    Es gibt viele kleine und mittlere Verlage, die für ein breites Angebot an guter Literatur sorgen – für alle die Menschen, die keine Lust auf anspruchslose Massenware haben.
    Die Bücher dieser Verlage tragen sich sehr häufig gerade eben mal selbst. (Einnahmen abzüglich 30-45% für den Handel = Produktionskosten)

    Gehen die Verkaufszahlen zurück, weil sich ein eBook ohne Qualitätsverluste und fast ohne Kosten weiter veräußern lässt, müssen diese Bücher zwangsläufig teurer werden – da die Produktionskosten sonst nicht gedeckt wären.
    Ist der notwendige Preis den Käufern zu hoch, verschwinden diese Bücher vom Markt – und mit ihm eine Reihe von Verlagen.
    Zusätzlich wird an der Qualität gespart werden, z.B. bei den Übersetzungen und dem Lektorat.
    Alternativ werden die eBooks mit Werbung durchsetzt.

    Na, dann – viel Spaß dabei.

    • Author
      Nerdizm 9. Februar 2013 Reply

      Hi Daniel,
      danke für deine Sichtweise – bisher kamen ja tatsächlich nur die Kunden zu Wort. Ich verstehe deinen Punkt, aber deshalb auf das Recht zu verzichten, erworbene Güter auch wieder verkaufen zu dürfen finde ich nicht den besten Schritt. Du schriebst, du arbeitest als Übersetzer – wäre es nicht lukrativer für dich, den Mittelmann (Verlag) auszulassen und erfolgsversprechende Bücher junger, wenig bekannter Autoren “auf eigene Faust” zu übersetzen und zusammen mit dem Autoren in Deutschland selbst zu publishen? Markteintrittsbarrieren gibt es ja quasi keine mehr. Das erscheint mir spannend und Erfolgsversprechender – und so kommt wirklich mal frischer Wind in den Handel. Die meisten innovativen Projekte werden ja von einer Hand voll Liebhabern gestartet – eine Bekannte von mir ist zum Beispiel Übersetzerin in Spanien, sie bringen dort gerade mit ein Paar Leuten “Max und Moritz” auf Spanisch heraus. Im sehr guten Podcast “Medienradio” war vor einiger Zeit Jonas Winner zu Gast, der erfolgreich im Selbstverlag eBooks verkauft – hier das Interview. Ich muss gestehen ich kenne seine Bücher nicht und vielleicht sind sie auch Trash, aber die Idee erscheint sehr interessant.
      Grüße und danke für deine Meinung!
      Tim

    • rico 10. Februar 2013 Reply

      Ich kann Deine Begründung sehr gut nachvollziehen, aber selbst dafür gebe es Lösungen. Genau so, wie ich mein audible Hörbuch nur 3 mal auf cd brennen darf, ist es sicher möglich, den weiterverkauf via DRM auf eine sinnvolle Anzahl zu begrenzen.

      • Author
        Nerdizm 10. Februar 2013 Reply

        Im erwähnten Patent von Amazon ist der Wiederverkauf tatsächlich auf eine bestimmte Anzahl beschränkt.

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