Raubkopierer retten die Industrie: Es ist kompliziert.

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Copyshop in China. Oh, the irony. (Andreas@flickr.com)

Seitdem es Computer gibt, gibt es den „copy“ Befehl. Davor gab es überspielte Tonbänder, Kassetten und Xerox. Doch seit 2003 ist die Privatkopie verboten und „Raubkopierer“ werden reihenweise abgemahnt. Angeblich, weil sie die Industrie und letztendlich die Künstler schädigen. Doch eine GfK Studie hat das Gegenteil herausgefunden – und wurde nicht veröffentlicht.

Nachdem sich Ende der 90er CD-Brenner durchgesetzt hatten und ein paar Jahre später der MP3-Codec erfunden wurde, reagierte endlich die Musikindustrie: Blitzschnell wurde das Problem völlig ignoriert. Als dann noch Napster aufkam, reichte nicht mal der Kopf im Sand – man fuhr schwere Geschütze auf und klebte als ultimative Lösung auf viele CDs einen 1,5 mal 1,5 cm großen Sticker. Auf dem stand „Copy Kills Music“. Komischerweise reichte auch das nicht.

Filesharer kaufen mehr als andere
Jetzt, 2011, ist die Musik tot. Ihr habt sie umgebracht. Weil ihr immer DJ Bobo bei Napster geklaut habt, anstatt seine CDs von Fresh Music zu kaufen. Toll, Danke. Aber halt – Douglas C. Merrill, ehemaliger CIO und Vice President of Engineering von Google hat ein paar interessante Studien aus seiner Zeit beim Musik-Giganten EMI veröffentlicht. im Jahre 2008 hatte Merrill das Internet-Verhalten von LimeWire-Filesharern analysiert. Wie sich herausstellte, waren diese illegalen Filesharer gleichzeitig die besten Kunden des Marktplatzes iTunes. „Das ist kein Diebstahl, das ist Try-Before-You-Buy Marketing“, so Merrill. „Die Fans zu verklagen, erschien mir nicht wie eine Gewinnerstrategie“. Weniger als ein Jahr später trennte sich EMI wieder von Merrill.

Zu einem ähnlichen Ergebnis wie der Ex-Google CIO  kam übrigens kürzlich die Gesellschaft für Konsumforschung GfK. Sie fand heraus, dass User der inzwischen gesperrten Seite Kino.to überdurchschnittlich oft ins Kino gehen, teurere Karten kaufen und mehr DVDs erwerben als der Normalbürger. Der Hauptverband Deutscher Filmtheater e.V. kommentierte die Studienergebnisse: „Wir haben das schon länger vermutet. (…) Wer Filme herunterläd, hat ein erhöhtes Interesse am Kino“. Aha.

Was nicht sein darf, kann nicht sein
Dem Auftraggeber der GfK passte dieses Studienergebnis aber gar nicht ins Weltbild, weshalb sie es auch nicht offiziell veröffentlicht wurde. Sie wanderte in den Giftschrank – nach dem Motto: „Meine Meinung steht fest, verwirrt mich nicht mit Fakten“. Wunschlösung der Industrie: Der Staat muss das Internet und MP3-Player verbieten, Raubkopierer einsperren und die EU die Musikbranche subventionieren. Im Ernst, was soll das?

Die Hand, die füttert
Wieso schaffen es weder Plattenfirmen noch Filmverleiher oder auch Verlage, eigene Geschäftsmodelle zu entwickeln? Kino.to soll 60.000 Euro pro Monat verdient haben – Geld, das den Rechteinhabern durch die Lappen geht, wenn sie nicht für ein legales, vergleichbar praktisches Angebot im Netz sorgen. Es mangelt dem Netz nicht an Inhalten – man könnte sie nur leichter zugänglich machen und endlich ein legales Angebot schaffen.  In den USA macht die schwedische Firma Spotify es gerade vor: Sie bietet ein riesiges Musikarchiv als werbefinanziertes Internetradio an und wird in Zukunft mit Facebook zusammenarbeiten. Der Dienst bekommt höchstes Lob von Usern, seine Einführung in Deutschland ist allerdings an der GEMA gescheitert. Statt auf die Fans und User zuzugehen, sind 2010 in Deutschland 557.800 Abmahnungen wegen Filesharing ausgesprochen worden, 42% davon wegen heruntergeladener Musik. Vielleicht sollte man mal aufhören, die eigene Zielgruppe zu verklagen?

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