Hacktivism: Wird 2011 das Jahr der digitalen Wutbürger?

Anonymous und LulzSec, zwei lose Verbände von internationalen Hackern, rufen zur digitalen Revolution. Nachdem große Konzerne bereits vor einigen Wochen tausende Nutzer- und Kreditkartendaten verloren, stehen nun auch staatliche Einrichtungen wie die US-Zentralbank oder die CIA im Fadenkreuz. LulzSec kündigt großspurig an, auf “jede Regierung oder Behörde zu feuern, die ihnen im Weg steht.“ Nebenbei platzt dank Crowdsourcing ein prominenter Doktortitel nach dem anderen und die Namen von 400 NPD-Spendern werden öffentlich. 2011 könnte das Jahr des Hacktivism werden. Was bedeutet das für uns? Und wie ändert sich der Journalismus dadurch?

Der Digitalzorn entlädt sich plötzlich und scheinbar chaotisch. Videospiel-Firmen, Parteiwebsites, Banken – sie alle werden entstellt, ihrer Daten beraubt oder durch die berüchtigten DDoS Attacken lahm gelegt. Die Willkür ist kein Wunder, Gruppen wie Anonymous und LulzSec sind schließlich keine organisierte Armee. Sie sind eher ein heterogener Zusammenschluss von Menschen mit Computerkenntnissen. Wie schon bei der Globalisierungsbewegung vor einigen Jahrzehnten sind die Feindbilder eher nebulös, der Eifer aber um so größer. In der kürzlich veröffentlichten Kriegserklärung von LulzSec heißt es beispielsweise: „Höchste Priorität ist es, jede Art von klassifizierter Regierungsinformation zu stehlen und zu veröffentlichen. Oberste Ziele sind Banken und andere hochrangige Einrichtungen. Wenn sie versuchen, uns zu zensieren, werden wir sie mit Kanonenfeuer auslöschen.“ Transparenz um jeden Preis also, sonst eher unscharf das Ganze.

Als Brutstätte der verbündeten Hackergruppe Anonymous gilt übrigens das Imageboard 4chan, einer der pubertärsten Orte dieser Galaxis. Das erklärt schon viel. In Zuständen, in denen Jugendliche der 90er vielleicht „Anarchie“ an Dorfsparkassen gesprüht haben, schießen Script-Kiddies heute eben Server ab. Die Tools dafür gibt es umsonst im Internet. Doch Hacktivism auf juveniles Imponiergehabe zu reduzieren würde dem Thema wohl nicht gerecht werden.

Scheisse, jetzt kommt alles raus
„The revolution will not be televised“ wusste schon der kürzlich verstorbene Gil Scott Heron, und er hatte recht. (Gil Scott Heron Videos auf Youtube sind übrigens alle von der GEMA gesperrt. Daraufhin wurde die GEMA-Website von Anonymous abgeschossen.) Trägt das dezentrale Kommunikationsmodell des Netzes zur Demokratisierung der Welt bei? Wird jetzt alles gut?
Zumindest lassen sich Sauereien schwerer vertuschen – digitale Daten sind äußerst flüchtig. Das musste auch vor kurzem die ein oder andere Großmacht merken, als Wikileaks und Konsorten ihnen ihre eigenen peinlichen Kriegsverbrechen aufs Brot schmierte. Transparenz von öffentlichen Daten und Schutz von Privaten ist schließlich oberstes Ziel der Hackerethik. Doch wer trennt die beiden voneinander? Ist zum Beispiel eine Parteispende privat oder öffentlich?

Gigabytes an Titelthemen
Aus journalistischer Sicht verändert sich die Welt grundliegend – der Begriff „geleakt“ ist dank Julian Assange in den deutschen Sprachraum eingezogen. Hunderte von freiwilligen WikiLeaks-Mitarbeitern durchfilzten die über 90.000 Militärdokumente aus dem Afghanistankrieg, die der Whistleblower-Plattform zugespielt wurden. Handyfotos und Youtube-Videos aus Krisengebieten zeigen Konflikte inzwischen aus nächster Nähe, unmittelbar nachdem Ereignisse eintraten. Aus Informationsknappheit ist auch hier ein Informationsüberfluss geworden.

Schon in der Vergangenheit führten technische Entwicklungen dazu, dass Politik und militärische Einsätze transparenter wurden. Zu Zeiten des Vietnamkriegs konnte erstmals jeder, der eine Fotokamera bedienen konnte, als freier Kriegsreporter arbeiten. So entstanden Skandalfotos wie das des brennenden Mädchens Kim Phuc nach dem Napalmangriff auf das Dorf Tran Ben. Bilder, die die Protestbewegung anfachten und den US-Einsatz in Vietnam letztendlich politisch unhaltbar machten. Ähnliches passiert im Moment, der Schleier lichtet sich. Dabei darf man auch nicht vergessen, dass der Löwenanteil der Recherchearbeit nicht von bezahlten Journalisten, sondern von freiwilligen Helfern wie auf Guttenplag erledigt wird.

In Zukunft wird es wohl den Job des Datenjournalisten geben: Ein Geek, der gute Kontakte zu aktiven politischen Communities pflegt. Der Twitter- und Facebook-Freunde auf der ganzen Welt hat und die Skills besitzt, sich durch Terabytes an kopierten Festplatten zu schnüffeln. Und dabei hoffentlich über genug Instinkt verfügt, um echte Daten von Fakes zu unterscheiden.

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