Gay Girl in Damascus: Ist denn hier überhaupt keiner eine Lesbe?

Amina Arraf bzw. Jelena Lecic

Amina Arraf, wie das Internet sie kannte. Rebellisch, lesbisch, fake.

Einige Wochen lang hatten die Blogosphäre, aber auch Zeitungen wie The Guardian oder die Washington Post, einen neuen Darling: Gay girl in damascus. Die angebliche syrische Bloggerin Amina Arraf soll von Geheimdienstlern auf offener Straße attackiert und entführt worden sein. Print- und Onlinemedien berichteten ausgiebig, weil Amina deutlich hübscher ist als Ai Weiwei als ausdrucksstarkes Symbol für die Unterdrückung von Minderheiten in totalitären Systemen steht. Jung, lesbisch, wortgewandt und rebellisch. Ein Journalistentraum.

Lektion 1: Es gibt keine hübschen Lesben
Aber leider ein Hoax, wie sich am 12. Juni 2011 herausstellte. Hinter Amina steckt der Amerikaner Tom MacMaster, der den Blog über fünf Jahre lang betrieben hatte. Bekannt geworden war gay girl in damascus, weil sie (er) auf der lesbischen Website „lez get real“ begonnen hatte, über die Aufstände in Syrien zu berichten. Das im Internet kursierende Foto von Amina stellte sich als weitere Fälschung heraus. Die Bilder stammen von einer Londonerin namens Jelena Lecic und wurden ohne ihr Wissen aus dem Netz übernommen. Doch die Story wird noch bizarrer: Vor kurzem stellte sich zu allem Überfluss heraus, dass die angebliche Betreiberin der Website „lez get real“, „Paula Brooks“ ebenfalls ein Fake ist. Hinter ihr steckt Bill Graber, ein 58 jähriger pensionierter Soldat aus Ohio.

Das Internet: Ein Ort, an den Hoaxe kommen, um sich zu paaren
Paula und Amina, die beiden Fake-Lesben, trafen also zufällig auf der besagten Website aufeinander, korrespondierten miteinander und „flirteten häufig“. Und das völlig ohne zu wissen, dass beide in Wahrheit Männer sind, die nur vorgaben lesbische Frauen zu sein. „Eine Handpuppe traf auf die andere Handpuppe“.

In meinem Studium „irgendwas mit Medien“ wurden wir von Politikwissenschaftlerinnen mit Doppelnamen immer mit der Nase darauf gestoßen, dass die Anonymität im Netz die Geschlechteridentitäten auflöse. Ich fand das immer überzogen, aber die Story spricht irgendwie doch dafür.

Oder, um es mit einer alten, anonymen Signatur zu sagen: „In den alten Tagen des Internets waren Männer noch Männer, Frauen waren Männer und Kinder waren getarnte FBI-Agenten.“ Scheint, als habe sich da noch nicht so viel dran geändert wie wir alle geglaubt hatten..

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