Wohnungsmakler: Zombies der Digitalzeit.

zombie

„Couuurtaaageee. Urghhh.“ (dhollister@flickr.com)

Häufig umziehen zu müssen ist eines der Haupt-Ärgernisse unserer flexiblen Arbeitswelt. Man wühlt und klickt sich dauernd durch schlecht programmierte Asta-WG-Börsen, belästigt Facebook-Kontakte zweiten Grades und schielt voller Verzweiflung doch irgendwann auf Maklerseiten à la Immonet oder Immobilienscout24, die einem für das bloße Aufschließen der Wohnungstür und einen Standard-Mietvertrag zwei Monatskaltmieten an Courtage aus den Rippen leiern wollen.

Makler? Warum verdammt sind die nicht längst tot?
Das Internet war nie besonders freundlich zu Zwischenhändlern oder Mittelmännern. Reisebüros,  Plattenläden oder Videotheken waren früher allgegenwärtig, wurden im letzten Jahrzehnt aber quasi von der Straße gefegt. Der Grund ist simpel: Das Netz ermöglicht es, auf die Dienste schneller, günstiger und mit höherer Preistransparenz zurückzugreifen. Also muss das Reisebüro schließen und an seiner Stelle entsteht eine weitere Starbucks-Filiale. Alle Mittelmänner sind tot, nur Wohnungsmakler nicht. Warum? Sind Makler die Zombies unter den Zwischenhändlern, die sogar einen Atomkrieg überleben würden?

Warum Hausbesitzer Zombies mögen
Für die Vermieter bieten Makler einige Vorteile. Zum einen regeln sie für Hausbesitzer umsonst das Vertragliche. Außerdem dienen Sie als Eintrittsschwelle. Sie sieben die Auswahl der Bewerber vor: Finanziell unsichere Kandidaten wie Studenten und Freiberufler fliegen erst mal von der Liste. Zahnärzte, Beamte und Lehrer rutschen nach oben. Wer den Makler bezahlen kann, der wird sich auch später dauerhaft die Miete leisten können. Makler haben es so trotz allen Trends zur Digitalisierung geschafft, sich eines der wenigen verbleibenden Informationsmonopole unserer Zeit zu sichern. Die Folgen sind bekannt – Gentrifizierung, weil sich nur noch ein gewisses Klientel die Miete in den Innenstädten leisten kann.

Gesucht: Die digitale Kettensäge
Im stolzen Internetzeitalter dürfen so antiquierte Monopole natürlich nicht mehr existieren. Man muss also die Vermieter dazu bringen, ihre Wohnungen anders als über einen suboptimalen Markt zu vermitteln. Wie also könnte ein internetbasierter Dienst Hausbesitzern mehr Wert bieten, als es Makler können? In dem endlich das Internet auch in den Wohnungsmarkt einzieht und das tut, was es am besten kann: für volle Transparenz sorgen – auf beiden Seiten.

Schlimmer als Zombies: Nomaden
Ein Gespenst geht um: Deutschlands Hausbesitzer leben in permanenter Panik vor „Mietnomaden“. Das geht so weit, dass in Hamburg neben kompletten Lebensläufen sogar „Unbedenklichkeitsbescheinigungen“ des Vormieters auf Wohnungsbesichtigungen mitgebracht werden, um dem Vermieter die Auswahl zu erleichtern.

Der ideale Wohnungsmarkt
Spinnen wir diesen Gedanken im Hinblick auf das Internet mal weiter: Mietinteressenten könnten in Zukunft auf einer Website einen aussagekräftigen Steckbrief hinterlegen. Der würde neben persönlichen Angaben (ja, auch Gehalt und Schufa) ebenfalls die Kontaktdaten ihrer vorherigen Vermieter enthalten – man könnte sich sogar eine Empfehlung schreiben lassen. Wie bei eBay kann hier eine nachträgliche Bewertung erfolgen. „Netter Mieter, jederzeit wieder“. Für Hausbesitzer böte sich so mehr Sicherheit, schließlich kann ein netter Student deutlich weniger Ärger machen als ein solventer, aber permanent meckernder Zahnarzt.

Bleiben wir beim eBay-Beispiel: Die Preisgestaltung der Wohnung könnte auf Wunsch ebenfalls im Auktionsverfahren erfolgen. Anstatt eine Miete festzusetzen, würde man hier Gebote abgeben. (Der frei einsehbare Mietspiegel dürfte die schlimmsten Ausreißer verhindern). Der Vermieter würde so schnell den idealen Mietpreis vom Kandidaten seiner Wahl bekommen und einen Leerstand vermeiden. Der Mieter spart sich immerhin den Makler.

Weiterer Vorteil: Im Internet setzt sich immer ein einzelner Marktplatz durch. (Es gibt nur ein Auktionshaus, nur einen Bücherversand und nur eine Suchmaschine). Das bedeutet, es würde sich nach einer Zeit erstmals ein zentraler Anlaufpunkt entwickeln, auf dem nahezu alle freien Wohnungen einer Stadt zu finden wären. Sowohl Mieter als auch Vermieter würden davon profitieren – das Ganze ginge lediglich auf Kosten der Mittelmänner. Und im Gegensatz zu meinem alten CD-Laden oder der Videothek meiner Jugend tut mir das diesmal überhaupt nicht Leid.

VN:F [1.9.22_1171]
Rating: 4.0/5 (1 vote cast)
Wohnungsmakler: Zombies der Digitalzeit., 4.0 out of 5 based on 1 rating

0 Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*