Girl Talk – zahl, was du willst

Ich war neulich zu Besuch in meiner alten Hamburger WG. Dort stieß ich nicht nur auf die üblichen Verdächtigen, diverse Biere und einen neuen Kickertisch, sondern auch auf die großartige Musik eines Künstlers namens Girl Talk. Der gute Herr, bürgerlich Gregg Michael Gillis, ist ein Großmeister des Mashups. Das heißt, er bedient sich freizügig an allem was rockt und dreht es durch die digitale Wurstmaschine. Kleinliche Copyrights werden mit dem Native Instruments Traktor überfahren, heraus kommt ein eklektizistischer Mix der klingt, als haben 10 Youtube-DJs eine Jugendherberge von 1995 in ihre Gewalt gebracht. Herrlich.
Ich geh mal mit dem Hut rum

Bei der Suche nach seiner Musik im Netz stieß ich auf die Seite seines Labels, Illegal Art. Hier tummeln sich eine Vielzahl an Laptoprockern, die hemmungslos alles zusammenmixen was nach vier noch auf der Tanzfläche funkioniert. Und das Allerbeste: Das grandiose Girl Talk Album „All day“ steht unter Creative Commons Lizenz und kann kostenlos hier heruntergeladen werden. Bitte, danke. Alle weiteren Alben des Künstlers sowie alle Veröffentlichungen auf dem Label kann man hier ebenfalls downloaden. Das faszinierende: Der User bestimmt den Preis, den er dafür bereit ist zu zahlen. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal für Musik Geld ausgegeben habe – auf Illegal Art habe ich aber zugeschlagen und dem Label gerne mein Geld per Paypal überwiesen.
Hast du noch Kohle?

Einzelhändler dürften dabei Gänsehaut bekommen, Bloggern ist das Konzept geläufig. So gibt es ja seit 2010 den Social-Payment-Dienst „Flattr“. Ein Flattr-User bestimmt Anfangs, wie viel Geld ihm gute Blogbeiträge im Monat wert sind – sagen wir 10 Euro. Beim lesen in der Blogosphäre kann er immer dann auf den Flattr-Button klicken, wenn ihm ein Beitrag besonders gut gefallen hat. Seine Flattr-Kohle verteilt sich am Ende des Monats automatisch an alle (Flattr-nutzenden) Blog-Betreiber, die er so „geliked“ hat. Jeder zahlt was er kann, damit die Party weiter geht. WG-Style eben.

Wer verticken will, muss freundlich sein
Das Konzept ist faszinierend: Sympathie wird so zum ökonomischen Faktor im Netz. Wäre Girl Talk auf einem Major-Label hätte ich ihm das Geld vielleicht nicht so freizügig gegeben. Wäre sein Album nur über den traditionellen MP3-Vertrieb zu haben gewesen, wer weiß, ob ich nicht bei Rapidshare und Konsorten nach einer kostenlosen Kopie gesucht hätte. Der Blogger und Journalistikprofessor Jeff Jarvis hat in seinem Buch „what would Google do“ gut beschrieben, wie sich die Marktsituation im Medienbereich in den letzten 20 Jahren verändert hat. Seit Beginn der Digitalisierung herrscht keine Knappheit mehr auf dem Informationsmarkt, sondern ein Überfluss. Ich bräuchte gar keine neue Musik, ich besitze bereits 50 Gigabyte davon. Um einen Kunden mit vollem Ipod zu gewinnen, muss man eben ziemlich gut sein – oder ziemlich sympathisch.

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