Nerddeutscher Rundfunk – Wie das Internet den Bildschirm erobert.

Mein Ausflug in die Fernsehwelt war recht kurz – drei Monate öffentlich rechtliches Praktikum beim ZDF im Mainz. Für Null Euro übrigens, bitte, danke. Schon bei der Arbeit dort wurde mir recht bald klar, dass das Fernsehpublikum wie das Medium selbst eher eine aussterbende Spezies ist. Mal im Ernst, auf eine Sendung warten? Was für ne blöde Idee. Doch anstatt sich um den Nachwuchs zu kümmern, verschließen die Sender in Deutschland die Augen vor der für sie trostlosen Medienrevolte, die am Horizont aufzieht. Das Mediennutzungsverhalten ändert sich elementar – In wenigen Jahren werden nur noch diejenigen Zuschauer übrig bleiben, die sich auch ihre eMails ausdrucken und Fahrkarten nur am Bahnschalter kaufen. TV wird zum Medium des analogen Bodensatzes.

Nachdem die BBC Teile ihres Archivs jederzeit über das Netz verfügbar gemacht hat (leider nur in UK) und US-Bürger immerhin Hulu haben, um jederzeit das zu kucken, was sie auch interessiert, sollte in Deutschland auch langsam mal was passieren. Klar, es gibt die Mediatheken. Nette Idee, aber leider durch die beschränkte Speicherung für nur 7 Tage ziemlich unbrauchbar.

Das soll sich nun ändern – gegen Geld. Der Online-Videodienst, Arbeitstitel “Germany’s Gold
soll laut ZDF-Intendant Schächter “Qualitätsinhalte aus 60 Jahren deutscher Fernsehgeschichte” beinhalten. Im Idealfall soll es 2012 losgehen. Wenn das Kartellamt nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht und die privaten Sender das Ding erneut zu einer Luftnummer zurechtstutzen lassen – wie bei den Mediatheken geschehen.

Kino.to im Nacken
Das Fernsehsender langsam mal auf die Realität reagieren müssen, ist klar. So erscheinen Filme und Serien wenige Tage nach (und manchmal vor) ihrer US-Ausstrahlung auf Streaming-Seiten wie Kino.to oder icefilms.info. Auf Wiedersehen, Geschäftsmodell. Rechtlich bewegen sich Zuschauer, die diese Portale nutzen, übrigens in einer Grauzone. Es wurde in Deutschland noch niemand für das Ansehen eines Videoinhaltes per Stream verklagt. Experten bezweifeln, ob das bei der derzeitigen Rechtslage überhaupt möglich ist. Pay TV Sendern kommen dann noch Peer-to-Peer Seiten in die Quere, die ihr Programm zur besten Fußballzeit für umsonst ins Netz übertragen. Die Luft wird dünn.

Das Netz auf dem Schirm
Die Sender reagieren also zwangsweise langsam, doch es könnte schon zu spät sein: Längst hat das Internet die monströsen Flatscreens in deutschen Wohnzimmern erobert. Populäre Spielkonsolen wie die XBOX 360 oder die Play Station 3 spielen längst Videos von angeschlossenen Festplatten oder Memory-Sticks ab. Ob diese Filme aus legalen oder illegalen Quellen stammen ist der Hardware wie oft auch dem User dabei egal. Der Trend in der HiFi-Welt geht weiter zu Webbrowsern, die im TV bereits eingebaut sind. Wer will da noch auf seine Sendung um 22:15 warten, wenn Youtube, Kino.to und Konsorten einen Klick entfernt sind?

the revolution will not be televised
Dabei ist ein Zurückrudern zum alten Informationsmonopol schwierig bis unmöglich. Ausgerechnet der einst innovative Konzern Apple versucht das mit ihrer Internet-TV-Box Apple TV. Die ist ab Werk nicht mehr als ein Interface zu einer teuren Online-Videothek. Findigen Hackern zum Dank läuft auf ihr nach dem Jailbreak aber das nahezu omnipotente MediaCenter “XBMC“. Plugins zu Streaming-Seiten wie Kino.to und icefilms.info verbinden die Multimedia-Monolithen in deutschen Wohnzimmern dann tatsächlich direkt mit der vollen Datenvielfalt des Internets. Da wartet eine Sammlung an aktuellen Filmen, die größer ist als jede Blockbuster-Videothek. Umsonst und benutzerfreundlich zu erreichen. Und das Monate bis Jahre, bevor deutsche Sender sie ausstrahlen. Wer einmal von dieser nicht mal so richtig verbotenen Frucht genascht hat, braucht eigentlich kein Fernsehen mehr. Achso, es sei denn, man mag die Eigenproduktionen deutscher Fernsehsender. Aber im Ernst, das tut ja sowieso niemand unter 65.

 

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