Das Leben in Serie

Die Serie: Das digitale Medium. BillOnCapitolHill@Flickr

Die TV-Serie, das müssen selbst Filmfans zugeben, hat in den vergangenen Jahren eine beeindruckende Wandlung durchgemacht. Noch in den 90ern waren Serien billig produziert, mit zweitklassigen Schauspielern durchzogen und an durchschaubare Studiosettings gebunden. Der Erfolg von enorm aufwändigen Produktionen wie The Sopranos, The Wire oder von Langläufern wie den Simpsons hat sie in den letzten Jahren vom Image des Zweitklassigen befreit. Inzwischen erzählen Serien bessere Geschichten als es Filme tun. Das ist kein Zufall – unser Leben ist kein Film mehr. Es ist Serie.

Film – Medium der analogen Ära

Film ist schon durch seine traditionelle Aufzeichnungsform ein klassisch-analoges Medium. Auch die reguläre, lineare Erzählstruktur eines neunzig-minütigen Kinofilms wirkt wie aus einer vergangenen Epoche. Vielleicht wird man sie eines Tages als die „Analoge“ bezeichnen. Die traditionelle Story entwickelt sich zwangsweise durch Anfang, Hauptteil und Schluss nach einem gradlinigen Schema. Film ist ein Medium der Moderne – er eignet sich dazu, Geschichten aus den Tagen unserer Großväter abzubilden. Die filmische Erzählweise entspricht den Bewusstseinsströmen einer Generation, in der das Leben einzelne, kontinuierliche Zeitpfeile waren. Entlang dieses Pfeils entwickelten sich schnurgerade Familie, Beruf und Gesellschaft. Mein Großvater zum Beispiel hatte sein Leben lang eine einzige Partnerin, einen Arbeitgeber und einen Wohnort. Seine Ehe mag Höhen und Tiefen gehabt haben, aber es war nun mal seine Ehe – jeder bekam nur eine. Sein beruflicher Werdegang war ein einziger, langsamer aber stetiger Aufstieg bis zur verdienten Rente. Der gute Mann wählte sogar immer die selbe Partei, um dann vier Jahre lang auf sie zu schimpfen. Sein Leben muss ihm wie ein Technicolor-Film vorgekommen sein: So lang, bruchlos und zweidimensional wie der Zelluloidstreifen selbst.

Die Postmoderne Postanaloge

Die Lebensweise unserer digitalen Tage ist hingegen serienhaft. Irgendwann, zwischen dem 4. Praktikum in der Stadt X und dem dreimonatigem Job in Y zerfiel der Alltag in Episoden und Staffeln. Um uns herum existiert eine kleine Stammcrew aus Freunden und Familienmitgliedern, die in fast jeder Folge mitspielen. All die Kollegen, Praktikanten, Mitbewohner und Affären, die für einige Wochen Teil des Lebens werden, nur um bald wieder daraus zu verschwinden, sind Gaststars. Wir selbst wurden zu Seriendarstellern, unser Alltag besteht aus beruflichen und privaten Episoden. Es ist die Wiederkehr des Immergleichen: Vieles ähnelt sich, nichts ist jemals identisch. Eine durchschnittliche Folge beginnt in der Regel an einem Bahnhof und spielt an WG-Küchentischen und in Großraumbüros. Sie führt in Kneipen, in denen man noch nie war und endet in ICE-Abteilen, in denen man ständig ist. Viele kleine Episoden bilden eine Staffel – nennen wir sie „Studium“ oder „die Berlin-Zeit“. Viel wissen wir noch nicht über unsere Serie, aber wir kennen die Themen, die die Autoren offensichtlich mögen: Befristete Jobs, Zwischenmieten und Fernbeziehungen.

Mischkonsum

Das Medium dieser fragmentierten Ära kommt also in Häppchen von 23 oder 45 Minuten. Dabei ist es kein Zufall, dass die Serie ausgerechnet in Zeiten des grenzenlosen, freien Zugangs zu allen digitalen Inhalten ihren Höhepunkt erlebt (vgl. alluc.org. Achtung – Piratencontent.) Erst als komplette Staffel auf DVD, als Rip auf der Festplatte oder gleich in der Cloud kann die Serie ihr volles Potential ausschöpfen. Zeitunabhängiger Konsum einer beliebigen Serienmenge ist elementarer Bestandteil des Erlebnis. Niemand kann heutzutage ernsthaft an einem bestimmten Tag zu einer festgelegten Zeit vor dem Fernseher (analog!) lauern, um eine einzige Folge pro Woche zu sehen. Flexibilität! – was von uns verlangt wird, verlangen wir auch von unseren Medien. Sie werden verschlungen wann und wo gerade Zeit ist: Auf dem Laptop während einer mehrstündigen ICE-Fahrt, auf dem iPhone während man auf den Bus wartet oder auf DVD wenn man nicht schlafen kann. Dabei muss nicht mal die Reihenfolge eingehalten werden – oft greift man einfach zufällig in die Vollen. Der Shuffle Mode, das ist schon beim prall gefüllten MP3-Player so, ist die einzig funktionierende Rezeptionsweise angesichts eines unendlichen Medienangebots.

Neue Formate, neue Helden

Die Serie ist letztendlich ein konsequent digitales Medium, jede Episode ist die Kopie einer Kopie einer Kopie. Kleine Veränderungen geben den Episoden Individualität, Running Gags und Zitate sind die Hyperlinks, die das Konstrukt zusammenhalten. Sie muss nicht mehr unbedingt in einer festgelegten Reihenfolge rezipiert werden, sondern wird häufig nach dem Zufallsprinzip rezipiert. Je mehr bespielbare Bildschirme sich in unseren Alltag schleichen (iPhone, Laptop, iPad etc.), desto mehr Raum wird der Serie geschaffen sich zu entfalten. Mit den Eigenheiten des digitalen Mediums ändern sich übrigens auch die Heldenfiguren: Ein spontaner Griff in die prall gefüllte Festplatte guter Serien offenbart:

Sopranos – fetter böser Mafiaboss
Ideal – verlotterter Grasdealer
Respectable – Prostituierte in einem Vorstadtbordell
Dexter – psychopatischer Massenmörder
Shameless – Unterschichts-Alkoholiker

Protagonisten, die nicht aus der Moderne stammen. Dank intelligentem und innovativem Storytelling funktionieren sie in der Serie aber als eine Art postanaloge Antihelden. Ende des klassischen Kinos, beginn einer neuen Ära? Fortsetzung folgt.

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