Exergaming – Sport für Nerds

exergaming

Exergaming (gamercize@flickr)

Dicke Kinder mögen schwerer zu kidnappen sein, trotzdem sollten sie, wie die meisten von uns, mehr Sport treiben. Der Geist ist generell willig, das Fleisch ist aber nun mal meistens scheisse Faul. Was soll’s, wir leben im digitalen Zeitalter, Computer helfen uns bei allem. Auch bei der Selbstmotivation. Anstatt zu jammern, dass die Kids (und man selbst) zu viel Zeit mit Computerspielen und digitalen Medien verbringen, sollte man genau diese nutzen, um sich zum Sport zu motivieren. So geht’s auf die nerdige Tour:

Motivator 1: Alles schwarz auf weiß gespeichert

Trainingsplan auf Nike+

Ich habe in einem Artikel über GPS-Systeme für Jogger schon mal beschrieben, was es auf dem Markt an Technik-Tools für Läufer gibt. Egal Ob Nike Plus (Chip im Schuh plus iPod), Adidas MiCoach (das Selbe mit Pulsmesser) oder diverse kostenlose iPhone-Applikationen (RunKeeper oder MapMyRun) – sie alle können gelaufene Kilometer, Zeit und Datum speichern, grafisch aufarbeiten und im Netz ablegen. So hat man einen Kalender, in dem automatisch aufgelistet wird wann man Joggen war, und vor allem wann man sich davor gedrückt hat. Den Plan sieht in der Regel niemand als man selbst, trotzdem reicht das schon um den Selbstbetrug auf ein Minimum zu drücken. Bonus: Wer öfter läuft, macht automatisch Fortschritte. Bei allen Applikationen sieht man seine zunehmende Fitness schön als stetig steigende Balkendiagramme – genau wie wir das aus Computerspielen kennen und lieben. Wer es gewohnt ist, seinen Charakter mühevoll hochzuleveln, wird sich hier gleich zu Hause fühlen. Herrlich, schon Level 4..

Motivator 2: Gruppendynamik durch social media

MapMyRun und Runkeeper, 2 kostenlose GPS-Jogging Apps

Weiterer Motivationstrick: Wer über genug digitalen Exhibitionismus verfügt, kann seine Umwelt (oder auch eine beschränkte Nutzerliste, sagen wir mal die Laufgruppe) über seine täglichen Joggingtouren per Facebook, Twitter oder HTML-Widget auf dem Laufenden halten. Klar ist das überposig, schafft aber auch ordentlichen Leistungsdruck und so Motivation. Oder willst du, dass alle sehen dass du eine Woche lang keinen Fuß mehr vor die Tür gesetzt hast? Ich bin zum Beispiel nie so viele Kilometer gelaufen wie in den 3 Monaten, in denen ich an einem (öffentlich sichtbaren) Wettbewerb auf Nike+ teilgenommen habe. (Erster! 🙂 )

Motivator 3: Spieltrieb

Nerds rangeln gerne in Leaderboards

Im wesentlichen waren es schon immer die spielerischen Elemente, die den Sport interessant gemacht haben: Punkte oder Tore zählen, Zeit messen, neue Tricks erfinden. In der digitalen Zeit haben sich die Möglichkeiten potenziert. Vergiss „Der Ball muss in den Kasten“: Es wird Zeit, die Game-Elemente von Videospielen in den Sport zu integrieren. So könnte man die seit Jahren erprobten, stets verfeinerten, teilweise sogar süchtig machenden Belohnungssysteme von online Computerspielen (Steigende Level, unlockbare Boni, „VIP-Areas“, online Wettbewerbe gegen andere Mitspieler.. ) wunderbar dazu nutzen, um Sport interessanter zu machen. Klar, früher hat einen der Sportverein motiviert, aber wer hat heute schon noch regelmäßig Zeit für so etwas? Durch digitale Sporttools ist man zeitlich flexibel und nicht ortsgebunden. Mann kann Joggen gehen, wann immer man mal eine halbe Stunde Zeit findet, die Daten hochladen und so gegen jemanden Wettrennen, der zu einer anderen Zeit in einem anderen Land darauf reagiert. Augmented Reality? Man könnte den Avatar des Gegners per iPhone 3GS über seine eigene Laufstrecke scheuchen.

Blick in die Zukunft: Neue Sportgeräte

Die klassische Fitnessstudio Kombination „Fernsehserien + Fahrradfahren“ ist überholt. Der Nachfolger, die Kombination aus Videospiel und Sport, nennt sich Exergaming. Darin sehe ich eine ganz große Chance für eine neue Art von Sport. Der Chip im Schuh für Jogger ist nur der Anfang. Wenn man sich den herausragenden Erfolg von mäßig sportlichen Games wie „Wii Fit“ und Konsorten ansieht, ist klar wohin die Reise gehen kann: Heimtrainer (Fahrradergometer, Rudergeräte, Laufbänder, diese Kettler-Folterdinger etc.) müssen an die gängigen Spielkonsolen angeschlossen werden. Wie oft hört man: „Fahrradergometer fahren ist mit auf Dauer zu langweilig..“ Also, das Ding an die Wii geklemmt, Mariokart 2.0 drauf, und dann ein internationales 8 Player Rennen über das Internet gestartet – komplett mit Bonusgegenständen, Beschleuningungsstreifen, Abballern und Beleidigungen über Headset. Wer schneller in die Pedale tritt, gibt auf dem Bildschirm mehr Gas. Ich wette, die Kids strampeln sich den Wolf auf dem Ding. Man muss sich nur mal den Ehrgeiz ansehen, der in „Call of Duty“ Ranglisten vorherrscht – Jetzt geht es um eine neue Art von Skills: Körperliche Kraft und Ausdauer. Es wäre ein irrer Motivator.

Erste, sehr zaghafte Exergaming Ansätze gibt es bereits. Bei meiner Recherche für einen Artikel fiel mir aber auf, dass die meisten existierenden Exergaming-Geräte äußerst halbgare Produkte sind. Die Hersteller waren schwer zu erreichen, die Spiele schlecht programmierte Ripoffs auf dem technischen Stand von 2002. Schade! Immerhin kommt langsam Bewegung ist den Markt: Für die Wii soll ein Fahrradergometer namens Cyberbike erscheinen, das erste richtige Ansätze zeigt. Das Ding ist allerdings mit 149 Euro inklusive Spiel so billig, dass es wohl kaum ein echtes Training erlaubt. Der Erfolg von Wii-Fit und Konsorten hat die Konkurrenz eindeutig heiss gemacht: Microsoft setzt mit seinem Project Natal genannten Bedienkonzept auf Integration des Körpers ins Videospiel, die Demo-Videos sehen schon mal sehr gut aus. Vor allem das Karate-Spiel könnte gut werden.

Fazit: Hätte ich Geld, ich würde es in ein Fitness-Tool in Zusammenarbeit mit einem der großen Konsolenhersteller investieren. Wenn Pseudo-Sport an der Daddelkiste schon so ein Verkaufserfolg war (Wii Fit verkaufte sich 2009 in den USA 6 Millionen Mal – besser als Halo 3), liegt in richtigem Sport richtige Kohle. Ein Multi-Heimtrainer kombiniert mit süchtig machenden, professionell programmierten Games wie Mario Kart wäre ideal, um Computerkids weltweit zum Sport zu bewegen. Und man bräuchte endlich kein schlechtes Gewissen mehr zu haben, wenn man zu lange zockt..

Zur verschwindenden Grenze zwischen Videospiel und Sport: Vor kurzem ist etwas interessantes bei einem Footballspiel passiert: Wie Wired berichtete, wandte ein Spieler eine eindeutig aus einem Videospiel stammende Taktik an, um sein Team zum Sieg zu führen. Und vielleicht wäre auch Fußball nicht so unglaublich langweilig, wenn die Spieler sich gegenseitig beschiessen könnten..

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