IPAD – HYPE HYPE, HURR.. WTF?

Nach den irren Medien-Spekulationen im Vorfeld, an denen ich mich auch ein bisschen beteiligen durfte, ließ Dotcom Unternehmer der ersten Stunde Jason Calacanis (u.a. Netscape) die Bombe platzen. Eine halbe Stunde bevor Steve Jobs die Daten des iPads vostellen sollte, ballerte er über Twitter die Infos raus: Eingebauter TV-Tuner, 2 Kameras, Augmented Reality, Solarzellen auf der Rückseite, wireless charging und vieles mehr.

Fast jeder namenhafte Nerdjournalist verbreitete diese Twittermeldungen als Retweet weiter, viele übernahmen sie sogar ungefiltert in ihre Artikel. Naja, Jason hat nur nen Witz gemacht, die Daten waren eindeutig wahnsinnig überzogen – aber cool, das muss man ihm lassen. Hihi, Solarzellen. Qualitätsjournalismus my ass.

Eigentlich irgendwie egal, schließlich kam die richtige Bombe eine halbe Stunde später hochoffiziell: Das iPad kann nichts. Es wird 630 Dollar kosten (UMTS-Version), einen Mobilfunkvertrag benötigen und macht im wesentlichen nicht mehr als ein übergroßer iPodTouch. Es ist ein teures Abspielgerät für kostenpflichtige Inhalte, das Fenster zu einem Markt, den Apple erst noch schaffen will. Was mit den iPods funktioniert hat, kann hier nicht klappen: Ipods verkaufen sich, weil die Leute die Festplatten Gigabyte-Weise voll mit MP3s aus verschiedenen Quellen haben, die sie irgendwo einfach, schön und stylish abspielen wollen. Das geile weisse Plastik aus Cupertino ersetzt hier irgendwo das Auratische der Schallplatte oder der CD.

Microsoft hat in diesem Zusammenhang in den USA mal eine sensationell komische Werbung gesendet, in der vorgerechnet wird, dass es 30.000 Dollar kostet, einen iPod mit Musik zu füllen. Mediennutzungs-Fail.

Während man die alte CD-Sammlung mit iTunes mit einem einzigen Klick digitalisieren und auf den iPod ziehen kann, kann ich mein Bücherregal und die Kisten mit den alten Zeitschriften auf dem Dachboden aber nicht so einfach auf meinem iPad archivieren. Was den Übergang von Print zu Digital angeht, dieser Mehrwert fehlt schon mal. Wäre es nicht cool, wenn ich mit einer eingebauten Kamera (sic) wie in der iPhone App Red Laser das Cover eines jahrealten Spiegels abfotografieren könnte, und dann, nach ein bisschen iTunes-Gerödel, auf dem iPad die digitale Version davon lesen könnte? Oder ich in der Ubahn die Werbung eines neuen, coolen grünen Lifestyle Magazins sehe, sie abfotografiere, einen kleinen Obolus über iTunes zahle und das Ding als Multimedia-eBook auf dem iPad hätte? So, oder so ähnlich hätte es werden können.

Der iPod verkauft sich jedenfalls deshalb so gut, weil fast jeder, vom Zehnjährigen bis zur Omi, einen Nutzen davon hat. Die sonst unorganisierten und auf diversen Platten / DVDs / Memory Sticks verstreuten Musikstücke sind an einem Platz und man kann sie mitnehmen. Das iPhone verkauft sich, weil jeder ein Telefon braucht und es zum Schweizer Taschenmesser des Digitalzeitalters geworden ist. (Hallo – ohne GPS würde ich jetzt verloren durch Münchener Vororte irren anstatt zu nerdeln.) Das iPad wird sich nur schwer verkaufen, weil es nur eine teure Eintrittskarte zu einem zu entstehenden Markt ist, auf dem in Zukunft nur weitere kostenpflichtige Inhalte warten werden, die sich zu wenig von den Inhalten unterscheiden, die es im Internet (legal oder illegal) für umsonst gibt. Bestes Beispiel: Ich sehe das iPad, und es löst keinerlei Kaufreflex aus. Apple könnte einen Toaster auf den Markt bringen, ich würde ihn haben wollen! Aber das iPad? Vielleicht existiert die angestrebte Nische zwischen Smartphone und Laptop einfach nicht, vielleicht braucht auch einfach keiner neben all den vorhandenen Gadgets die bereits Video, Musik, eBooks und Internet ermöglichen (Handy, Laptop, TV, Spielkonsole) kein weiteres solches Abspielgerät.

Und ernsthalt, eBooks: Die deutsche Buchpreisbindung macht den Markt ohnehin kaputt. Ich zahle doch für ein akkufressendes, DRM-verseuchtes, 200 Kilobyte großes eBook niemals den selben Preis wie für ein physisches Hardcover. Da komme ich mir doch mal richtig verarscht vor. Der ganze Benefit eines 630 Dollar teuren Readers muss doch sein, dass die dann gesparten Druck und Vertriebskosten zum größten Teil bei mir, dem User ankommen.

Was hätte gefehlt? Der Apple-typische ultraleichte Zugang zu etwas absolut Neuem. Augmented Reality wäre super gewesen: Das iPad als prozessorstarkes, großes Fenster zu dem Science-Fiction Medium, das wir schon seit Terminator haben wollten. „Da gehts zur nächsten Ubahn, da drüben sitzt dein Kumpel im Café und die Perle da drüben hat dich gerade auf Facebook gepoked.“ Statt 2 Kameras: Keine einzige verbaut. AR-Fail. Hallo? Sogar der iPod Nano hat ne Kamera.

Fazit: Journalismus nicht gerettet, Print lutscht weiter. Schade, ich könnte mir als Journalist nix cooleres vorstellen als multimediale Inhalte aus Video, Sound und Text zu erstellen, die über iTunes zu vertreiben und davon ordentlich leben zu können. Allerdings habe ich weder im Bekannten- noch Kollegenkreis mitbekommen, dass irgend ein Verlag gerade mit Hochdruck eine gut besetzte iPad-Taskforce gründet und sich auf den First-Mover-Vorteil stürzen würde. Aber irgendwoher müssen die slick verpackten, bezahlbaren DRM-Inhalte ja kommen, die wir demnächst alle im Bus, Ubahn oder auf dem Klo lesen sollen. Und sie müssen so geil sein, dass sich die Anschaffung dieses sauteuren Riesen-Ipod-Touchs lohnt. Da bin ich ja mal gespannt.

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8 Comments

  1. pintoproductions 30. Januar 2010 Reply

    Ich hab auf deinem Blog leider keine Kommentarfunktion gefunden, darum schreib ichs jetzt einfach hier rein:
    Schöner Text, hört sich auf den ersten Blick auch ganz schlüssig an, allerdings übersiehst Du meiner Meinung nach ein paar dezente Details.
    Das iPad ist weder für uns, noch die Nerds noch die sagenumwobenen early adopters gemacht worden, sondern damit selbst meine Mudder in der Lage ist von der Couch aus (Kein Schwein wird das Ding mit in die U-Bahn nehmen) digital Musik zu hören, Fotos anzuschauen, vielleicht sogar eine Mail zu schreiben und sich mal dieses seltsame Internetzdingens anzuschauen, mit dem ihre Brut und die ganze restliche Baggage ihre Brötchen verdienen.
    Das wird ihr schlicht und einfach durch das intuitivere Interface ermöglicht und ich meine damit nicht den Touchscreen, sondern die Kombination aus TS und Interface. Wer schon mal ein herkömmliches Betriebssystem per Touchscreen zu bedienen versucht hat, weiss das das nicht funkt. No way. Die Entscheidung, ein aufgebohrtes iPhone OS zu verwenden, halte ich daher für absolut richtig. Fehlendes Multitasking? Watt?

    Der iPod verkaufte sich nicht deshalb so gut, weil jeder einen Nutzen davon hatte. Apple hat den MP3 Player nicht erfunden. Es gab und gibt einen Arsch voll anderer Player, die entweder mehr können ODER mehr Speicher haben ODER weniger kosten und oft genug alles davon.

    Das iPhone verkaufte sich nicht deshalb so gut, weil jeder einen Nutzen davon hatte. Apple hat das Handy nicht erfunden. Es gab und gibt einen Arsch voll anderer Handys, die entweder mehr können ODER mehr Speicher haben ODER weniger kosten und oft genug alles davon

    (Auf dem ersten iPhone hätte ich den vorigen Absatz übrigens nicht so schnell hingebracht).
    Apple hat seit der Rückkehr von Mr Jobs NIE etwas „absolut Neues“ auf den Markt gebracht. Ich wiederhole: Nie.
    Es hat lediglich die Bedienkonzepte grundlegend überdacht und dabei zweifelsohne ganze Geräteklassen revolutioniert, einzig und allein durch absolut herausragende und konsequente Interfaces, ein über alle Kritik erhabenes Produktdesign und – so bitter das auch ist – konsequent restriktive Insellösungen wie iTunes oder den Appstore. Steve sagt was drauf darf und deshalb funktionieren die Dinger. Feddich. Apple hat nicht zuletzt DADURCH die Zugänge vereinfacht und Strukturen geschaffen, sich aber natürlich auch eine Menge Feinde gemacht. Zu Beginn war die Musikindustrie von iTunes mal so gar nicht begeistert.

    Und die selbsternannten Vertreter der Journalismus dieser Tage, die Verlage? Die haben, mit Verlaub, sowas von nem Stock im Arsch, was vielleicht gar nicht auffallen würde, wenn sie nicht gleichtzeitig die Hosen voll hätten und es überall penetrant nach Scheisse stinkt wo sie auftauchen. Sie tun nämlich genau das nicht, was sie vom heiligen Apple erwarten: Eingefahrene Mechanismen zu reflektieren und gegebenenfalls völlig über Bord zu werfen und von Grund auf neu zu denken. Stattdessen möchte man seine Inhalte möglichst unverändert und bilig direkt zum Leser transportiert wissen, mit fertigem Apple-Shop und allem pipapo. Aber keine propietäre Technik bitte. Und halbe halbe machen iss nich, schließlich sind das ja DEREN Inhalte. Und wehe jemand schickt denen Leser auf die Websites, die könnten dort ja am End schon alles weglesen. Ja wer kauft denn dann noch Zeitungen?

    Ja eben, frag ich mich auch.

    Ich kann nur hoffen, dass all die guten Journalisten die ich kenne, mit dem Herz am rechten Fleck, das Heft selbst in die Hand nehmen und nicht auf ein Wunder warten, denn das ist schon längst da. Keiner hält die Verlage davon ab, eigene Stores zu eröffnen, Geräte zu entwickeln, eBooks zu verkaufen und mal zu überlegen, was man mit diesem elektronischen Medium vielleicht noch so alles anstellen könnte, außer Bücher 1zu1 auf selbstleuchtende Oberflächen zu portieren. Wer sagt denn, dass ein anständiges Buch 200 Seiten haben sollte? Warum kann ich meine Kommentare und Gedanken zu einer bestimmten Passage nicht mit anderen Lesern diskutieren? Hier und direkt neben dem Text? Warum kann ich keine seriellen Montagmorgengeschichten abonieren, die man über Monate weiterführen könnte? In sich verästelnden oder parallel verlaufenden Erzählsträngen, von denen ich vielleicht zunächst nur einen sehe und den Rest im Dialog mit anderen Abonennten „erfahre“? Die mögliche Interaktivität, ja selbst der simple Hypertext ist nicht mal annähernd ausgelotet…

    Und während sich in diesem Sommer eine ganze Armada von unbedienbaren Tablet PCs, die theoretisch alles könnten aber nichts davon gut, unten auf den billigen Plätzen gegenseitig auf den Füßen herumstehen, sitzt Steve mit meiner Mudder und den restlichen 40-Plussern oben in der Loge und schauen Videos auf youtube.
    Einfach weil sie es jetzt können.

  2. Author
    nerdizm 30. Januar 2010 Reply

    Hi Artur! Ich danke dir für die lange und ausführliche Antwort. Ich hol mir kurz ein Bier, dann gehts los.

    So. Zu Apple. Klar haben die weder das Telefon, den Computer noch den MP3 Player erfunden. Aber sie machen einfach die besten Exemplare dieser Kategorien, und das begründet ihren Erfolg. So weit gehen wir ja glaube ich konform. Ich hatte einen einzigen MP3 Player vor dem iPod, das Ding war so grottenschlecht konzipiert dass die Tasten oben auf dem Gerät waren und es keine Option auf eine Tastensperre gab. Man konnte ihn nicht in die Hosentasche stecken, abgesehen davon dass er dafür ohnehin zu schwer war.

    Zum iPad. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, das das Gerät zum reinen Film kucken, Musik hören und Surfen auf der Couch konzipiert ist: Dafür gibt es schließlich Laptops. Die stehen wenigstens automatisch aufrecht, sind in der Regel sowieso schon im Haus und schneller tippen kann man seine eMails darauf auch. Das iPad muss schon mehr sein als das Zwischenstück zwischen Laptop und iPhone wenn er sich verkaufen soll. Er hätte wie gesagt das Gerät werden können, das Augmented Reality, auf Android und dem 3GS schon ein Hit, zum absoluten Durchbruch verhelfen könnte. Location based Dienste sind auf dem Vormarsch, doch Apple hat die Chance verspielt.

    Für uns ist das Ding wie du sagst nichts, ich bin mal gespannt ob du Recht hast und sich das iPad tatsächlich als besonders einfach zu bedienender light-pc durchsetzen kann. Ich würde es mir sehr wünschen, auch weil so vielleicht wirklich ein Massenmarkt geschaffen werden könnte, der bitter benötigt wird.

    Klar, meine Reden, es braucht neue Formen des Geschichtenerzählens und des Journalismus. Aber da wäre ein qualitativ hochwertiges ePaper mit hochauflösenden, guten Fotos, HiRes Videos, spannenden Texten und eingebauten Kommentarfunktionen doch schon mal ein guter Start. Es muss nur ein Medium dafür geben. Und das sehe ich im iPad noch nicht so. Nicht weil er es technisch nicht drauf hätte, sondern weil er nicht so umwerfende Features hat, das ihn jeder haben will. Da war das iPhone anders – Es hat einfach jedes bisher existierende Mobiltelefon dermaßen alt aussehen lassen, dass Nokia Pipi in die Augen bekommen hat.

    Das die Verlage keine Ahnung davon haben, was mit ihnen geschieht, kann ich nur aus eigenen Beobachtungen bestätigen. Das aber ein Printhaus eine eigene Hardwareplattform konzipiert und am Markt etabliert, halte ich für vollkommen unmöglich. Du musst dir einfach mal die grauselig realisierten Websiten der Zeitschriften ansehen, um zu begreifen dass das was da konzeptionell auf Softwareebene schon schief läuft auf Hardwareebene niemals klappen kann. Ernsthaft, die Musikindustrie hat es auch nicht hinbekommen eine zentrale Plattform zu schaffen, wie soll das denn die verschnarchte Printindustrie hinbekommen? Die meisten Bildredakteure denen ich begegnet bin können noch nicht einmal Photoshop. Da muss Apple ran, ganz ehrlich.

    Ich halte den iTunes Vertrieb für eine gute Sache, Apple kassiert ein Drittel, was ich angesichts der Tatsache dass sie Hard- und Software bauen und alles hosten für OK halte.. Wenn die es nicht schaffen, einen Markt für digitalen Journalismus aufzustellen, dann fürchte ich, ich werde mich bald mal nach einem ordentlichem Job umsehen müssen. Und das will ja niemand.

    Cheers aus München, wo treibst du dich eigentlich rum?
    Tim

  3. Daule 31. Januar 2010 Reply

    Meister,

    was hältst Du von dem Ansatz, dass Apple mit dem iPad nicht den Journalismus retten oder die nächste, digitale Revolutionswelle anschieben sondern einfach eine neue Zielgruppe erschließen wollte, ohne sich zu sehr in anderen Bereichen (MacBook, kommende iPhone-Generation) zu kannibalisieren? Analog Nintendo Wii….neue Käufergruppen aktivieren, noch mehr Massengut werden? Die Idee stammt nicht von mir.

    http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,674468,00.html

    • Author
      nerdizm 31. Januar 2010 Reply

      Moinsen..
      Du hast wahrscheinlich Recht. Ich habe es bei Michalis schon im Blog geschrieben: Für uns Vollnerds war das iPad definitiv eine Enttäuschung. Wir haben iPhones, Laptops und WLAN auf dem Klo. Ich brauche neben Smartphone und Laptop nicht noch einen Zwischenschritt. Wenn es aber dafür gedacht ist, das Oma und Opa auch mal dieses “Internet” sehen können, mit dem ihre Enkel so viel zu tun haben, dann könnte es klappen. Die Wii ist ihren Konkurrenten technisch auch weit unterlegen, nicht mal HD Auflösung.. Sie verkauft sich dennoch besser als die Xbox und die PS3. Wenn es tatsächlich klappt, den „Casual User“ zu erreichen, und so einen Markt für digitalen Journalismus aufzubauen den auch die Generation nutzt, die es noch gewohnt war für Informationen Geld auszugeben, (und noch Geld hat 🙂 ) könnte das tatsächlich aus einem erstmal ziemlich unbeeindruckendem Gerät einen weiteren Geniestreich machen. Hoffen wir das Beste, ich würde liebend gerne in Zukunft für ein multimediales ePaper Inhalte produzieren.

  4. Daule 1. Februar 2010 Reply

    Ach, der Grieche hat auch eine Meinung dazu? Bin gespannt…und hab noch eine weitere Meinung vom Herrn Schirrmacher gefunden – finde den Ansatz auch nachvollziehbar, wenn auch ziemlich desillusionierend.

    http://www.faz.net/s/Rub475F682E3FC24868A8A5276D4FB916D7/Doc~E4C9B52F05C0C4D6AA6E031D952812B10~ATpl~Ecommon~Scontent.html

  5. pintoproductions 1. Februar 2010 Reply

    Morgen Tim. Im Grunde hast Du in der Antwort auf meinen Kommentar schon alles gesagt – oder besser gesagt deinen persönlichen Standpunkt dargestellt. Der Satz „Dafür gibt es schließlich Laptops.“ sagt sehr viel über Dein (und mein) Nutzungsverhalten aus. Für uns gehören Computer zum absoluten Alltag. Natürlich kann das iPad NICHTS, was ein Notebook nicht auch kann. Deshalb ist es für uns aus ganz rationaler Perspektive überflüssig. Ich hab kein Problem mit dem Notebook auf dem Schoß auf der Couch zu sitzen und damit Musik zu hören. Das sieht aber lange nicht jeder so. Die Benutzung eines Computers erfordert das überspringen einer gewissen Barriere und die ist sehr oft höher, als wir das vermuten. Man muss sich da nicht mal mehrere Generationen weit entfernen. Ich bin erstaunt (und manchmal ein wenig entsetzt) wie wenig die Leute meiner eigenen oder sogar der Generationen nach mir mit Computern und allem was damit zusammenhängt anfangen können und wie hoch das Frustrationslevel im Umgang mit letzteren tatsächlich ist. Frag doch mal wahllos zehn Leute deines Alters was RSS ist, Du wirst dich wundern…
    Viele haben gar kein Bock drauf, das Ding überhaupt erst anzuschmeißen und bevor ich mir vor etwa nem Jahr ein MacBook gekauft hatte ging mir das oft genauso. Diesen ganzen Crap zu verbannen und Bedienängste zu reduzieren ist also DER Schlüssel zum Erfolg. Die Computeraffinität der nachfolgenden Generationen wird meiner Meinung nach sogar stärker zurückgehen, genau wie heutzutage die wenigsten Jungs (sorry wegen des Rollenbildes) noch irgendetwas am Auto reparieren können. In der Generation meines Vaters war das noch anders. Ob das gut ist, sei mal dahingestellt. http://posterous.wiredvanity.com/alex-payne-on-the-ipad-5

    Das Beispiel der wii ist da durchaus passend, zumindestens was die Erschließung von neuen Zielgruppen betrifft. Ich bin allerdings der Meinung, das gerade der Erfolg der wii mit ihrem Bewegungssensitiven Controller massiv auf wirklich und tatsächlich NEUER Technik basierte. Kein anderer der Konkurenten hatte bis dato einen derartigen Controller am Start sondern lediglich sturr die Prozessorleistung gesteigert. Im Vergleich zum iPad ist die wii ein echter Technologieträger…wie das Nexus, bzw. Android. Das ist das Gadget für uns Nerds und Leute die noch den Nerv haben…

    Augmented Reality macht in erster Linie in einem mobilen Gerät Sinn und ist dort mit Nexus und dem iPhone ja bereits vorhanden. Ich sehe das iPad nach wie vor auf dem Sofa oder am Frühstückstisch oder abends vor dem Schlafengehen im Bett…

    Noch ein letztes Mal zum Vergleich mit iPod bzw. iPhone: Das iPhone konnte am Anfang nichts, was andere Mobioltelefone nicht auch konnten, nicht mal MMS! Lord! Ich kann mich noch genau an die Aufschreie erinnern…

    Das iPad wird es und da gebe ich Dir durchaus recht, schwerer haben als das iPhone, weil das Bedienkonzept nicht mehr so bahnbrechend neu ist. Es ist im Grunde wirklich nur ein großer iPod mit „hochauflösenden, guten Fotos (Display), HiRes Videos (youtube & Co), spannenden Texten und eingebauten Kommentarfunktionen (iBooks & Browser)“. Oups? Bingo.

    Ich bin darüber hinaus der Meinung, das sich im Moment im Grunde noch keiner ein wirkliches Urteil erlauben kann (weder positiv, noch negativ), weil außer Steve und seinen persönlichen Lustknaben noch keiner das Ding überhaupt mal in der Hand hatte. Ich denke dass sich ein großer Teil der „Liebe“ zu diesem Device über dessen Umgang und Bedienung ergeben wird. Man muss das Ding eben mal in der Hand gehalten haben. Michalis Pantelouris hat dazu einen interessanten Artikel geschrieben, der auch dem Journalismus wieder etwas Mut machen sollte: http://print-wuergt.de/2010/01/31/wichtig-ist-auf-welchem-platz/.

    Wenn ich von Plattformen gesprochen habe, meinte ich keinesfalls zentralisierte Monster. Man hat im Netz die Möglichkeit an jeder Ecke Dinge zu verkaufen, die Macht des Long Tail hat google zu dem gemacht, was es ist und auch Amazon hat das kapiert. Dennoch wird sie noch immer unterschätzt und man hofft stattdessen auf DIE EINE LÖSUNG. Wenn journalistische Inhalte gut beschrieben, schmackhaft und zu einem fairen Preis zu haben sind, kann man die an buchstäblich jeder Ecke des Netzes verkaufen. Davon bin ich absolut überzeugt. Wenn ich nen Blog Artikel über ein Buch lese und das Ding direkt daneben für zwofuffzig kaufen und darin lesen kann, dann mache ich das. Mit Filmen und Musik verhält es sich exakt genauso. Die weggefallene natürliche Verknappung durch das Medium Papier (oder Vinyl oder Zelluliod) muss und kann durch eine massive Verbilligung und Steigerung der Schlagzahl, aufgefangen werden.

    Was natürlich nicht zwingend gegen große Plattformen sprechen muss. Der iTunes Store oder Amazon eigenen sich durchaus und die Sache mit den iPad-Taskforces in den Redaktionen stimmt so ganz (Gott sei Dank) auch nicht. Das Tauziehen hat nämlich bereits begonnen: http://netzwertig.com/2010/01/31/amazon-schmeisst-macmillan-raus-das-ipad-sorgt-fuer-rote-koepfe/ Was auch immer passiert, ich denke es wird gerade erst spannend und bin mir sicher, dass das iPad seinen Teil dazu beitragen wird (lange) Texte auf digitalen Geräten salongfähig zu machen und den Wert guten Journalismusses ins Gedächtnis zurückrufen kann. Und davon profitieren am Ende wir alle.

    Ich bin im Moment übrigens noch in Stuttgart und bereite meinen Sprung ins Haifischbecken Berlin vor…

  6. Author
    nerdizm 1. Februar 2010 Reply

    Hey Artur,
    wie lustig dass du auf Michalis Blog hinweist, bei dem alten Griechen habe ich auch gerade schon kommentiert.. Du hast im wesentlichen schon geschrieben, was mich an dem Wii-Vergleich stört. Die Wii war schwacher auf der Brust als ihre Konkurrenten, aber hatte ein bahnbrechend neues Bedienkonzept. Sie suggeriert sogar, dass man beim Zocken aktiv würde, und nimmt so scheinbar der Computerspiele-Kritik der meisten Eltern den Wind aus den Segeln. Das iPad ist kein Novum in diesem Maße. iPod Käufer konnten in der Regel auf einen riesigen Pool aus kostenloser Musik zurückgreifen, die sie mit ihrem neuen Gerät, legal oder illegal, aus dem Bekanntenkreis ziehen und hören konnten -> Erheblicher Mehrwert.
    Beim iPad fehlt dieser meiner Ansicht nach zunächst. Spannend würde es werden, wenn das iPad z.B. mit einem ein-Jahres-Vertrag über T-D1 kommen würde, bei dem ein Spiegel-Abo des ePapers dabei wäre. Oder wenn der Stern das iPad verbilligt anbieten würde, im Kombination mit 3 digitalen Abos von Gruner&Jahr Zeitschriften, und so die Verbreitung der Dinger fördern würde. Mal sehen ob es dazu kommt. Gruß ins Haifischbecken!
    Tim

  7. Author
    nerdizm 2. Februar 2010 Reply

    Interessante Theorie auf Wired.com : Apps von Websites sind inzwischen benutzerfreundlicher als die Websites selbst. http://www.wired.com/gadgetlab/2010/02/ipad-future/
    Könnte da was dran sein? Ich finde die Facebook App auch irgendwie slicker als Facebook.com selbst..

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